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Sinn und Funktion von Religion

"Die Wahrheit einer Religion liegt nicht da, wo sie die Gläubigen vermuten"
(Emile Durkheim)

Menschliche Konstrukte und/oder kirchliche Dogmen können uns angesichts der Sinnlosigkeit des Daseins helfen, die unendliche Komplexität der Welt auf ein menschlich handhabbares Maß zu reduzieren. (sinngemäß Niklas Luhmann)

"Da sich alle Gläubigen in jeweils ihrem Glaube, in ihrer Religion wohl fühlen, gleich, welche spezifischen Merkmale diese Religion hat, muss es etwas anderes als dieses Merkmal sein, was sie zufrieden stellt" Es ist das genetisch verankerte Bedürfnis nach Sicherheit in jedem Menschen, das (auch) durch Religion befriedigt wird. (Dieter Brandt)

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Definitionsversuche des Begriffes "Religion"
- Der substanzialistische Religionsbegriff bezieht sich auf inhaltliche Merkmale von Religion, da die Definition vom Wesen der Religion abgeleitet wird und die wesentlichen Merkmale von Religion charakterisiert werden sollen. Er begreift Religion als etwas, das sich auf das Heilige, das Transzendente, Das Absolute, das Numinose oder das Allumfassende bezieht.

- Der funktionalistische Religionsbegriff definiert Religion über die Funktion. Er geht davon aus, dass Religion für das Individuum und die Gesellschaft eine prägende Rolle spielt und diese mitgestaltet. Religion wird hier über die soziale Funktion, d.h., in Bezug auf gesellschaftliche und individuelle Zusammenhänge, definiert.

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Die Kommunikation als Erhaltungsfunktion der Religion (und des Glaubens) und als "Designer" des diesbezüglichen Sinnsystems, bezieht sich nur scheinbar direkt auf die Umwelt. Tatsächlich aber bezieht sie sich nur auf die von ihr nach ihren eigenen Gesetzen wahrgenommenen inneren Abbildungen der Umwelt, also letztlich auf sich selbst ( = Selbstreferenzialität als Bezeichnung der Fähigkeit jedes lebenden Systems, einen Bezug zu sich selbst in Abgrenzung zur Umwelt herzustellen). (Niklas Luhmann)


Über eine Sprache entsteht eine Einheit, welche durch fixieren eines Kodex (z.B. über Rituale usw.) zu einer größeren, sprachübergreifenden Einheit (Religion) wird. (Harald Haarmann)

Im Kontext soziologischer Theorien ist Religion ausschließlich als kommunikatives Geschehen aufzufassen.

"Ein soziales System kommt zustande, wann immer autopoietischer Kommunikationszusammenhang entsteht und sich durch Einschränkung der geeigneten Kommunikation gegen eine Umwelt abgrenzt. Soziale Systeme bestehen demnach nicht aus Menschen, auch nicht aus Handlungen, sondern aus Kommunikationen."

(Somit wird) Religion eine Art institutionalisierter Erinnerung und ist darauf aus, die Erinnerung an eine längst vergangene Zeit unberührt und ohne jede Beimischung späterer Erinnerungen durch die Zeit zu erhalten. (J.Assmann)

Aus soziologischer Sicht ist der Sinn von Religion der Erhalt der Gesellschaft (bzw. der religiösen Gemeinde), was darüber hinaus auch die eigentliche Funktion von Religion darstellt.

Der Sinn von Religion ist im psychologischen Ansatz als ein Erklärungsmodell der Welt zu verstehen, wobei die Erklärung dabei auf Basis des verwendeten Sinnsystems gewonnen wird.

Religiöse Systeme sind heteronom und zwar in dem Sinn, dass sie ein anderes System kodifizieren, nämlich das System der sozialen Verhältnisse innerhalb einer Gruppe. (E. Durkheim: "Die elementaren Formen des religiösen Lebens")

Religionen sind also Sinnsysteme, die auf gruppenspezifisch erzeugter Kommunikation aufbauend, das individuelle Bewusstsein an das Gruppen-Sinnsystem anschließen.

Das Sinnsystem wird als Sinnform religiös erlebt, wenn ihr Sinn zurück verweist auf die Einheit der Differenz von beobachtbar und unbeobachtbar und dafür eine Form findet. Wobei Sinnsysteme auf der Unterscheidung durch den Blickwinkel des Betrachters basieren.
Etwas Existentes also, wird erst durch die Beobachtung in das Sinnsystem integriert und erhält dadurch erst einen, dem Sinnsystem entsprechenden Sinn. Wobei das Beobachtbare erst durch die Konstruktion eines Gegensatzes (einer Differenzierung) definiert wird und dadurch in einen Sinnbezug eingegrenzt werden kann.

Die Wahrnehmung der Umwelt durch ein System ist (lt. Luhmann) immer selektiv. Ein System kann seine spezifische Wahrnehmungsweise der Umwelt nicht ändern, ohne dabei seine spezifische Identität zu verlieren. Dabei ist die Veränderung eines Systems zwar von äußeren Einflüssen nicht unabhängig, aber die operationale Geschlossenheit des Systems entscheidet, wie die Außeneinflüsse intern verarbeitet werden.

Selbstreferentialität bezeichnet die Fähigkeit jedes lebenden Systems, einen Bezug zu sich selbst in Abgrenzung zur Umwelt herzustellen.

Autopoiesis bezeichnet den Prozess der Selbsterschaffung und -erhaltung eines Systems. D.h., das sich das System in ständigen, zielgerichteten autokatalytischen Prozessen quasi aus sich selbst heraus erschafft.

"Autopoietische Systeme können ihre Strukturen nicht als Fertigprodukte aus ihrer Umwelt beziehen. Sie müssen sich durch ihre eigenen Operationen aufbauen und das erinnern - oder vergessen."

(wiederholend von oben:)
Die Wahrnehmung der Umwelt durch ein System ist (lt. Luhmann) immer selektiv. Ein System kann seine spezifische Wahrnehmungsweise der Umwelt nicht ändern, ohne dabei seine spezifische Identität zu verlieren. Dabei ist die Veränderung eines Systems zwar von äußeren Einflüssen nicht unabhängig, aber die operationale Geschlossenheit des Systems entscheidet, wie die Außeneinflüsse intern verarbeitet werden.

Der Beobachter kann, als Bewusstsein oder als soziales System, sich an der in ihn selbst hineinkopierten Unterscheidung von System und Umwelt, also von Selbst- und Fremdreferenz orientieren, und er muß (obwohl er alle Referenzen intern produziert), weil er andernfalls eigene Zustände ständig mit denen der Umwelt verwechseln würde und sich durch die Umwelt dann nicht einmal irritieren lassen - also auch nicht lernen - könnte.

(Irritation meint hier einen, dem eigenen Sinnsystem (bisher) unbekannten Bezug, der durch seine Irritation am eigenen Sinnsystem, dieses dazu bemächtigen kann, zu lernen [um die Irritation dann ins Sinnsystem einzupassen])

Dabei ist der Beobachter die Einheit der Differenz von Selbst- und Fremdreferenz, aber die Operation des Beobachtens bleibt für den Beobachter unbeobachtbar.

Etwas Beobachtbares wird also erst durch die Konstruktion einer Differenzierung ("Gegensatz") definiert und erhält dann durch die dadurch resultierende Form der Integration in das Sinnsystem des Beobachters einen dementsprechenden Sinn.

"Die Hauptleistung des Bewusstseins (von Menschen wie auch anderen höher entwickelten Tieren) besteht darin, die Resultate der neurophysiologischen Arbeitsvorgänge des Gehirns als "Außenwelt" erscheinen zu lassen und dem bewusst lebenden Organismus daher eine Orientierung an der Differenz von Selbst- und Fremdreferenz zu ermöglichen."

(kognitive) Evolution heißt nicht: Selektion desjenigen Wissens, das zur besseren Anpassung des Systems an die Umwelt beiträgt, sondern nur das Testen von Formen, mit denen die Autopoiesis des Systems trotz einer ins Unwahrscheinliche getriebenen Komplexität fortgesetzt werden kann. Die Leistung der Evolution liegt darin, bei geringer Entstehungswahrscheinlichkeit hohe Erhaltungswahrscheinlichkeit zu erzeugen. Also vorübergehende Anpassung an vorübergehende Lagen zu ermöglichen. Dabei entsteht aber keine zutreffendere, tiefenschärfere Bestandsaufnahme der Welt "wie sie ist", sondern immer nur eine interne Konstruktion, mit der das System sich weiterhilft. Durch Ausbau der kognitiven Kapazitäten wird die eigene Irritierbarkeit gesteigert, wodurch das System dann mehr Überraschendes und noch Unbekanntes typisieren und verarbeiten kann und dadurch dem Bereich der Kommunikation vergrößern kann, der verstanden wird.

Kodifizierung
Beobachtung basiert auf Unterscheidung. Die primäre Leistung von Religion ist, eine "Realität" zu konstruieren, indem sie etwas für Beobachtung bereitstellt, was nicht beobachtbar ist.

Dafür braucht es Mittel um eine ernst gemeinte Unterscheidung von Realität und Imagination (die aber kein Irrtum sein soll) zu produzieren. Eine Form der Kennzeichnung einer imaginären "Realität" des Religiösen stellt die "Einschränkung der Kommunikation" mittels des "Geheimnissvollen" dar, wobei die Geheimnisse nur unter besonderen Umständen oder nur durch bestimmte Eingeweihte bewahrt werden. Dadurch wird das Sakrale vor Trivialisierung geschützt und die in dieser Realitätsverdoppelung an sich liegende Problematik der Beliebigkeit möglicher Behauptungen über die "andere" Seite der "Realität", einer sozialen Kontrolle unterworfen. Es kann somit nicht jeder kommen und irgendwas behaupten. Die Darstellung des Sakralen als ein Geheimnis hat den Vorteil, dass es das verfremdet, was man wahr nimmt, aber es dennoch im Zustand des Wahrnehmbaren beläßt (betrifft auch Reliquien, Statuen, Berge, Quellen ...).
Neben der daraus auch erfolgten Tabuisierung liegt eine weitere Möglichkeit darin, das Geheimnis als Widerspruch oder gar Paradoxon zu formulieren ("Gott ist zu fürchten UND zu lieben").

Solange das Mysterium im Bereich des Wahrnehmbaren gehalten bleibt, kann man sich noch gut vorstellen, das die Unterscheidung kollabiert, dass die Gottheit selbst erscheint, das sie zum Guten oder Schlimmen provoziert werden kann, .... das sie von der normalen Abwesenheit in Anwesenheit überwechseln kann, so das es dann nur noch darum geht, diesen Vorgang, der in der Sakralität von Objekten, Ereignissen, Riten und Kulten angekündigt und verbreitet ist, in seinem Eintreffen zu erkennen und es durch Beschwörung, Opfer und dergleichen auf eigene Interessen abzustimmen.
(siehe Vor-Religionen und alternativloses Ritual)

Oder es bilden sich, wie in der Antike, Mysterienkulte, die das Geheimnis zugänglich machen, unter der Voraussetzung von Initiation und Anwesendsein (und unter Ausschluss Außenstehender).

Durch weitere Strukturveränderung ("Kodierung") entsteht eine weitere Überformung in Form der radikalen Unterscheidung zwischen immanent und transzendent. Dadurch lässt sich die Doppelung der Realität abstrakter darstellen, in Form eines transzendenten Sinnkorrelates alles immanent Beobachtbarens.

Zu den eindrucksvollsten Belegen des Anfangs von Religionen in einer Realitätsverdoppelung gehört die frühe sumerische Religion. Hier wurden allen relevanten Erscheinungen der Welt in Natur und Kultur Hintergötter zugeordnet, um die Erscheinung zu erklären. (siehe auch Jean Bottéro)

Mit den "heiligen Schriften" erfolgte dann eine Kanonisierung der Offenbarung als Selbstdarstellung Gottes.

Die jüdische Tradition hat eine in Textform fixierte, rein religiöse, Realitätsverdoppelung festgelegt, während die griechische Philosophie den Weg einer sprachlich-begrifflichen Abstraktion nahm.
Die Theologie der Rabbiner hält an einem kommunikativ bindenden Verhältnis zu Gott fest, mit der Folge, das der Text nicht täuschen kann, sondern in ständiger Bemühung interpretiert werden muss.
Für Plato sind indess Bezeichnungen (Namen) täuschungsanfällig und bedürfen daher einer ständigen Rückversicherung an der Realität in Form der Erinnerung an urbildhafte Ideen.
In beiden Fällen geht es um Erinnerung, in einem aber um Bewahrung und Aktualisierung des Textes, der als Schöpfungsplan gedient hatte (-> Talmud), und im anderen Fall um den Rückblick auf die nicht mehr rein erfahrbaren Formen, die das Wesen der Dinge ausmacht.

Der Kode projektiert eine andere Art der Unterscheidung, aber eine solche, die erst auf Grund der Realitätsverdoppelung möglich wird und sie in die Einheit einer gespaltenen Weltansicht zurückführt.
Derartige Kodes sind z.B. "gut/böse"

(Niklas Luhmann: "Die Religion der Gesellschaft")
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Konnektive Strukturen
Jede Kultur bildet etwas aus, das man ihre konnektive Struktur nennen könnte. Sie wirkt verknüpfend und verbindend (...). Sie bindet den Menschen an den Mitmenschen dadurch, dass sie als "symbolische Sinnwelt" einen gemeinsamen Erfahrungs-, Erwartungs- und Handlungsraum bildet, der durch seine bindende und verbindliche Kraft Vertrauen und Orientierung stiftet. ... Sie binden aber auch das Gestern an das Heute, indem sie die prägenden Erfahrungen und Erinnerungen formt und gegenwärtig hält, indem sie in einem fortschreitenden Gegenwartshorizont Bilder und Geschichten einer anderen Zeit einschließt und dadurch Hoffnung und Erinnerung stiftet. ... Beide Aspekte: der normative und der narrative, der Aspekt der Weisung und der Aspekt der Erzählung, fundieren Zugehörigkeit oder Identität, ermöglichen dem Einzelnen, "wir" sagen zu können. Was einzelne Individuen zu einem solchen Wir zusammenbindet, ist die konnektive Struktur eines gemeinsamen Wissens und Selbstbildes, das sich zum einen auf die Bindung an gemeinsame Regeln und Werte, zum anderen auf die Erinnerung an eine gemeinsam bewohnte Vergangenheit stützt. (Jan Assmann)

Kollektives Gedächtnis
Das von Assmann benannte "kollektive Gedächtnis" funktioniert auf zwei Wegen: Als fundierende Erinnerung, welche mit Ritualen, Tänzen, Mythen, Mustern, Kleidung, Schmuck, Tätowierung usw., Zeichensysteme aller Art, ... (d.h. mit) mnemotechnischen Funktion(en) arbeitet und als biografischen Erinnerung, welche auf sozialer Interaktion basiert.

Der Unterschied zwischen Mythos und Geschichte wird dabei hinfällig, denn für das kulturelle Gedächtnis zählt nicht die faktische, sondern nur die erinnerte Geschichte, worin sich das Identitätsgefühl der Gruppe manifestiert. Das kulturelle Gedächtnis vererbt sich aber nicht biologisch und muß daher über die Generationsfolge hinweg aufrecht gehalten werden. Dies geschieht mittels kultureller Mnemotechnik, also der Speicherung, Reaktivierung und Vermittlung des Sinns, während sich das "kulturelle Gedächtnis" im Gegensatz zum "kommunikativen Gedächtnis" nicht von selbst verbreitet, sondern sorgfältiger Einweisungen bedarf.

Durch das kulturelle Gedächtnis gewinnt das menschliche Leben an Zweidimensionalität oder Zweizeitigkeit. Dadurch verschafft sich der Mensch Freiraum von der "Realität des täglichen Lebens" (Jan Assmann)

Erinnerung
Kulturelles Gedächtnis ist ein von Jan Assmann und Aleida Assmann geprägter Begriff. Er bezeichnet „die Tradition in uns, die über Generationen, in jahrhunderte-, ja teilweise jahrtausendelanger Wiederholung gehärteten Texte, Bilder und Riten, die unser Zeit- und Geschichtsbewußtsein, unser Selbst- und Weltbild prägen.“ (wikipedia)

Vergangenheit entsteht nicht von selbst, sondern ist das Ergebnis einer kulturellen Konstruktion und Repräsentation; sie wird immer von spezifischen Motiven, Erwartungen, Hoffnungen, Zielen geleitet und von den Bezugsrahmen der Gegenwart geformt. (lt. Halbwachs)

Mensch und Gesellschaft erinnern sich nur an das, "was als Vergangenheit innerhalb des Bezugsrahmen einer jeweiligen Gegenwart rekonstruierbar ist", dass, was in der Gegenwart keine Bezugsrahmen mehr hat, wird vergessen, wobei die Vergangenheit fortwährend von dem sich wandelnden Bezugsrahmen der fortschreitenden Gegenwart her neu rekonstruiert wird. Das individuelle Gedächtnis einer Person wird dabei durch die Teilnahme an den kommunikativen Prozessen der Gesellschaft aufbaut.

Individuell im strengen Sinne sind nur die Empfindungen, nicht die Erinnerungen. Denn die Empfindungen sind eng an unsere Körper geknüpft, während die Erinnerungen notwendig ihren Ursprung im Denken der verschiedenen Gruppen haben, denen wir uns anschließen.

Es gibt kein mögliches Gedächtnis außerhalb derjenigen Bezugsrahmen, deren sich die in der Gesellschaft lebenden Menschen bedienen, um ihre Erinnerungen zu fixieren und wiederzufinden. (Maurice Halbwachs)

Bei dem selbsterstellten Selbstbild einer sozialen Gruppe wird die Differenz nach außen hin betont, die nach innen dagegen heruntergespielt. ... Derartige Gruppen jedoch streben nach Dauerhaftigkeit und tendiert dazu, Wandlungen möglichst auszublenden und die Geschichte als veränderungslos wahrzunehmen.


(Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis")

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