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Evolution des Bewusstsein



"Evolutionen" gab (und gibt) es auf verschiedenen Gebieten.
Angefangen mit der "kosmischen (oder "physischen") Evolution", der Entstehung des Universums. Im Folgenden tritt die "chemische Evolution" auf, die die Erstenstehung von Leben (auf der Erde) beschreibt und den Anfang des "organischen" Bewusstseins darstellt. In Folge spricht man von der "biologischen Evolution".

biologische Evolution // kognitive Evolution
Während bei der biologischen Evolution eine Diversifikation in Arten (Spezies) stattfand, ereignete sich bei der Evolution des Bewusstseins die Diversifikation in Kulturen. Die biologische Evolution vermittelt sich über die das Genom weiter, die Bewusstseinsevolution jedoch über die Tradition (ggf. über Meme).
Während bei der biologischen Evolution bei jedem weiteren Schritt neue, morphologisch-physiologische Baupläne entstanden (neue Arten), ergaben sich durch die Bewusstsein-Evolution neue kognitive Baupläne, die ein grundlegend neues Selbst- und Weltverständnis zur Folge haben. (Obrist)

(kognitive) Evolution heißt nicht: Selektion desjenigen Wissens, das zur besseren Anpassung des Systems an die Umwelt beiträgt, sondern nur das Testen von Formen, mit denen die Autopoiesis des Systems trotz einer ins Unwahrscheinliche getriebenen Komplexität fortgesetzt werden kann. Die Leistung der Evolution liegt darin, bei geringer Entstehungswahrscheinlichkeit hohe Erhaltungswahrscheinlichkeit zu erzeugen. Also vorübergehende Anpassung an vorübergehende Lagen zu ermöglichen. Dabei entsteht aber keine zutreffendere, tiefenschärfere Bestandsaufnahme der Welt "wie sie ist", sondern immer nur eine interne Konstruktion, mit der das System sich weiterhilft. Durch Ausbau der kognitiven Kapazitäten wird die eigene Irritierbarkeit gesteigert, wodurch das System dann mehr Überraschendes und noch Unbekanntes typisieren und verarbeiten kann und dadurch dem Bereich der Kommunikation vergrößern kann, der verstanden wird.

Das unbewusste ("vorbewusste") kognitive System, welches jede tierische Art besitzt, ist phylogentisch erworben. Es umfasst das "angeborene Wissen", das es zum Leben und Überleben benötigt und wurde durch die ständige Auseinandersetzung mit der sich verändernden Umwelt weiter ausgeprägt, welches im menschlichen Bewusstsein seine höchste Ausprägung fand, aus der dann das Bewusstsein hervorging - die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich bzw. Subjekt und Objekt. (Obrist)

Paul McLean (1973) unterschied folgende Gruppen:
- Reptiliengehirn vor 280 Mio. Jahren
- ältere Säugetiere vor 165 Mio. Jahren ("limbisches System")
- jüngere Säugetiere vor 50 Mio. Jahren ("Neokortex")

Erich Jantsch setzt dazu folgende Gedanken:
- Reptiliengehirn ~ organischer Geist
- ältere Säugetiere ~ refexiver Geist
- jüngere Säugetiere ~ selbstreflexiver Geist

Wobei alle drei Hirnstufen (McLean´s) an der Regulierung des menschlichen Verhaltens beteiligt sind.
Aus biologischer Sicht ist die Entstehung des Bewusstseins (vom Einzeller bis zum Mensch) ein evolutionärer Vorgang.
Daher erstmal ein anthropologischer Einblick:

- Hominoideae (Menschenähnliche) vor 40. Mio. Jahren
- Hominidae (Menschenartige) vor 6 Mio. Jahren (-> aufrechter Gang)
- Homininae (Menschen) vor 2 Mio. Jahren (-> Steinwerkzeuge)
- Hominini (Menschen) (-> artikulierte Sprache)

Dabei ist noch zu sagen, das sich Gorilla und Schimpansen vor etwa 5 Mio. Jahren abspalteten.

Die Gattung Homo:
- Australopithecus 3,5 Mio. - 1 Mio. Jahre
- Homo habilis 4/2 Mio. - 1,6 Mio. Jahre
- Homo erectus 2 Mio. - 100.000 Jahre
- Homo sapiens neanderthalenis 100.000 - 35.000 Jahre (-> Totenbestattung)
- Homo sapiens sapiens seit 50.000 / 30.000 Jahren (-> exponentieller Anstieg der kognitiven Entwicklung)

Bei der Gattung Homo dann, war das Bewusstsein soweit erstarkt, dass es sich als Ich erlebt und bewusst nun getrennt von der Umwelt ist. Ein reflexives Bewusstsein stellt sich heraus, welches das Denken in Kausalzusammenhängen ermöglicht. Hierbei kann man von der "mentalen Evolution" sprechen.

Vor etwa 50.000 Jahren fängt dann der Homo sapiens sapiens an, Gebrauchs- und Kunstgegenstände zu erschaffen. Ab hier lässt sich dann von der "kulturellen Evolution" reden, die nun mit dem selbstreflexierenden Bewusstsein verbunden ist und als Quelle der Kreativität zu benennen ist. (Q1)

Vor etwa 2,5 Mio. Jahren begann man mit der Herstellung von Steinwerkzeugen, welches eine Subjekt-Objekt-Trennung des Bewusstseins voraussetzt und dem Fleischverzehr (Jagd), welches eine vorausschauende Planung erforderlich macht.
Beim Homo erectus setzt vor 2 Mio. Jahren eine merkliche Vergrößerung des Gehirnes ein, aber erst nach der Werkzeugherstellung.

Q1: http://www.sein.de/archiv/2012/maerz-201...wusstseins.html
Q2: http://www.muellerscience.com/FRUEHMENSC...ewusstseins.htm


In der Zeit zwischen 800-200 v.u.Z. vollzog der Mensch die kognitive Entwicklung von präoperativen zu operativen Bewusstsein. (Jaspers, Hallpike)
Vorher ist die vermittelnde Funktion des Geistes noch nicht bekannt und Träume werden für materielle Bilder außerhalb des Körpers gehalten, nicht für unsichtbare Vorgänge im Kopf. (Hallpike)

Hallpike im Bezug auf Piaget:
"Denken ist ein sich selbst regulierendes System, dass danach strebt, in ein Gleichgewicht mit seiner Umgebung zu kommen, indem es stabile Vorstellungen konstruiert, die die Veränderlichkeit und Schwankungen eben dieser Umwelt überwindet."




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Die Prozesse von Bewusstsein sind sowohl entwicklungsgeschichtlich herauszuarbeiten, als auch individuell-biografisch, also auf jeden einzelnen Menschen bezogen, und am Ende dieser Aufgabe befinden wir uns im metaphysischen Grenzgebiet von Philosophie und Psychologie.
http://www.aerzteblatt.de/archiv/21424/E...tsein-vorhanden

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Julian Jaynes "Der Ursprung des Bewußtsein":
Das Buch entwickelt eine regelrechte Urknall - Theorie des Bewußtseins. Es entwirft eine völlig neue Sicht der geistigen Entwicklung der Menschheit. Mit großem Wagemut und geistiger Kraft spricht Julian Jaynes für eine neue, weitreichende Theorie. Das Weltbild, das er uns vorstellt, ist umfassend. Er bietet neue Erklärungen für die Stimmen der Götter, für Jahwe, der aus dem brennenden Dornbusch zu Moses sprach. Es entwirft neue Sichtweisen von Homers Ilias und zu zahlreichen Ereignissen und Rätseln der Weltgeschichte. Hinzu kommen interessante Darlegungen über Hypnose, Schizophrenie, Weissagung, Musik und das Wesen des Schöpferischen
PDF: http://www.kuddiversum.de/revolnewletter..._bewu_tsein.pdf

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Die kognitive Entwicklung des Menschens führt zu neuen Erkenntnisfähigkeiten und Erkenntnisinhalten. Die kognitiven Strukturen sind dabei Träger und Motor der kognitiven Evolution, wodurch diese auch als "Strukturgenese" bezeichnet werden kann. Es beschreibt den Vorgang, bei dem kognitive Strukturen neue kognitive Strukturen bilden.
Nach Theorie der Strukturgenese impliziert der Erkenntnisvorgang auch (gesellschaftliche) Interaktion.

Die kognitive Ontogenese besteht vorwiegend in der schrittweisen Transformation der Strukturformate, d.h.: der Veränderung der konstituierenden Eigenschaften der kognitiven Strukturen. Dadurch ist es möglich, ein und den selben Betreff von unterschiedlichen Blickwinkeln her zu betrachten.

Die Verinnerlichungshypothese ist die erste dieser Transformationen und beschreibt, wie durch Verinnerlichung sensomotorischer Handlungen und Wahrnehmungen die Vorstellungen und das intuitive Wissen entstehen.

Die Verbegrifflichungshypothese als zweite Transformation beschreibt den Vorgang der Verbegrifflichung und die Entstehung reflexiv bewussten Wissens. Dabei analysiert und rekonstruiert das erkennende Subjekt intuitive Wissenskomplexe mit Hilfe anderer intuitiver Wissensstrukturen und wählt dafür verbale Bezeichnungen aus. Erst im dadurch entstehendem begrifflichen Wissen weiß das Subjekt explizit, was es über den Betreff weiß.

Dem erkennenden Subjekt ("ich") ist kein explizites bewusstes Wissen über sich selbst gegeben. Das "Ich" ist das Produkt reflexiven Denkens, mit dem die Person intuitives Wissen über sich selbst begrifflich adaptiv rekonstruiert hat.

Die kognitive Evolution ist kein Geschehen, das sich ausschließlich im individuellen Subjekt abspielt, sondern das Subjekt verdankt sein Wissen auch der Interaktion mit dem sozialen Umfeld.

Quelle: Thomas Bernhard Seiler: "Die Evolution der kognitiven Strukturen nach der genetischen Erkenntnistheorie und nach der Strukturgenese":
link

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Die Arbeitsteilung auf kooperierender Grundlage innerhalb kleiner Gruppen erscheint als die Basis, welche die Entkopplung von Bedürfnis und Befriedigung erlaubte und dadurch aufeinander aufbauende kulturelle Leistungen (wie Werkzeuggebrauch) als integralen Bestandteil im Verhalten der Menschen verankerte.
Diese Fähigkeit, wie auch die Fähigkeit zu Konfliktvermeidungsstrategien, scheinen erst auf Grundlage einer bestimmten emotionellen Ausstattung möglich geworden sein, welche Konfirmität zu gemeinsamen Normen ermöglichte und so kulturell tradiertes Wissen über soziale Regeln dauerhaft verfügbar machte.
Der Werkzeuggebrauch bei frühen Vertretern der Gattung Homo ist wahrscheinlich Folge, nicht Auslöser dieser Veränderung in der Sozialstruktur.
(Quelle: Dr. Jörg Wettlaufer: "Kognitive und kulturelle Evolution" > link)

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Beim "abendländischen" Zweig der Menschheit zeigt sich seit Beginn der Neuzeit, das ein Weiterentwicklung des Bewusstseins stattgefunden hat. Dabei kam ein fundamental neues Selbst- und Weltverständnis zustande.
Bis dahin ist für alle menschlichen Kulturen von Steinzeit bis Mittelalter von einem charakteristischen Muster des Selbst- und Weltverstehens zu sprechen: der archaischen Weltsicht.
Charakteristisch für dieses ist die Unterscheidung in zwei wesentliche Bereiche der (angenommenen) "Wirklichkeit": einem Diesseitigen und einem Jenseitigen (übernatürliche, metaphysisch). (Obrist)

(dagegen:) In der Zeit zwischen 800-200 v.u.Z. vollzog der Mensch die kognitive Entwicklung von präoperativen zu operativen Bewusstsein. (Jaspers, Hallpike)
Vorher ist die vermittelnde Funktion des Geistes noch nicht bekannt und Träume werden für materielle Bilder außerhalb des Körpers gehalten, nicht für unsichtbare Vorgänge im Kopf. (Hallpike)

Der jenseitige Bereich wird den Vorstellungen nach von geistigen (transzendenten) Wesen (Götter, Zwischenwesen, lebende Tote) bewohnt, welche durch bloßes Denken auf das Diesseits einwirken können ("Wunder"), die sich dem Menschen über Visionen und Träume mitteilen können ("Offenbarung") und die fähig sind, sich einen sichtbaren Körper zu nehmen ("Inkarnation"). (Obrist)
(siehe auch Thema "Visionen": Visionen)

Aus der Reflexion über das Offenbarte ging die Theologie hervor.
Dem archaischen Menschen war daran gelegen, sich nicht den Unwillen der transzendenten Wesen zuzuziehen, daher war er grundlegend religiös eingestellt und darauf ausgerichtet, unbedingt den Willen dieser Wesen zu beachten.
(Quelle: Willy Obrist: "Von der Bewusstseins- zur Tiefenpsychologie" > link)

Seit der Entdeckung des Unbewussten, bzw. der "inneren Wahrnehmung" bezeichnen wir "Offenbartes" als Mythen: als historisch manifest gewordene Gestaltung des Unbewussten. Dabei entstand die Theologie dabei aus der Reflexion über das "Offenbarte".
Da in dem archaischen Weltbild die jenseitigen Wesen und ihre Welt, der diesseitigen Welt und ihren Wesen überlegen war, war der für ihn sicherste Weg die religiöse Haltung. Aus dem kollektiven Bemühen und diese Haltung sind die Religionen hervor gegangen.

Der Mensch fühlte sich im archaischen Weltbild "unter den Augen Gottes wandelnd", fühlte sich abhängig vom "Walten der göttlichen Gnade", er wusste, das sein Geist beschränkt war und göttliche Erleuchtung bedurfte und er nach seinem Tod Rechenschaft vor Gott ablegen musste.

Für den archaischen Menschen ist:
das "Sehen mit dem Auge des Leibes" die Entsprechung für das, was wir als Sinneswahrnehmung auffassen, und
das "Sehen mit dem Auge der Seele" entspricht dem, was wir als Träume und Visionen bezeichnen, was seit dem empirischen Nachweis des Unbewussten also das ist, was wir nunmehr als "innere Wahrnehmung" bezeichnen.

Unter "innerer Wahrnehmung" versteht man den Informationsstrom, der vom Selbst - dem im unbewussten Bereich gelegenem Führungszentrum der gesamten Psyche - zu, "Ich", dem "Zentrum" des Bewusstseins fließt.
Im archaischen Bewusstsein nahm man jedoch an, das dieser Informationsstrom von außen käme, aus dem Jenseits.


"Da es dem archaischen Menschen unmöglich war zu erkennen, dass der spontane Eindruck einer Vision trügt, galten ihm die Berichte der Visionäre als unbezweifelbare Aussagen (...).
Auf Grund solcher Berichte war er überzeugt, das es neben "dieser" Welt noch eine "andere", normalerweise unsichtbare Welt gebe, und das diese von konkreten Wesen bewohnt sei."

Dieser spontane Eindruck vermittelt das Gefühl, man würde ein Geschehen sehen, das sich außerhalb von einem selbst abspielt. Aber dies liegt nur daran, das das Unterbewusstsein die eigentlich innere Wahrnehmung (Bilder als sprachliche Formulierung noch nicht formulierter Sachverhalte) nach außen projiziert.

Der Trugschluß kommt zustande, da Visionen eine ganz außergewöhnliche Erlebnisqualität haben und dabei die Überlegenheit des unbewussten Selbst über das Ich erfahren wird.

Durch dieses "Erleben" mittels Traum und Vision meinte man zu "wissen", das sich die jeweiligen Wesen dem Menschen offenbaren können.

(Willy Obrist: "Der religiöse Indifferentismus")



Visionen sind nicht mit Halluzinationen zu verwechseln, sondern sind so "normal" wie Träume, treten jedoch seltener auf. Der Visionär gleitet dabei aus dem Wachzustand in den sogenannten "außergewöhnlichen" Bewusstseinszustand, der oft als "Entrücktsein", Extase oder Trance bezeichnet wird. In diesem Zustand ist der Mensch unansprechbar und unempfindlich gegenüber Schmerzen.

Zur Veranschaulichung dessens, was das Selbst dem Ich in einem Traum oder einer Vision mitteilt, wählt es jene Bilder, die dem Visionär durch seine Sozialisation bekannt sind: der christliche Visionär sieht Jesus oder Maria: der Oglala-Sioux sieht über den Wolken heilige Pferde und seine Hauptgottheit, die ihm Bogen und heilige Pfeile überreicht.

"Weil es sich beim innerlich Wahrgenommen um semantisch und syntaktisch gestaltete, in einer Bildsprache codierte Texte handelt, fasst man in der Tiefenpsychologie Wachfantasien, Träume und Visionen unter dem Oberbegriff "Gestaltungen des Unbewussten" zusammen."

fachlich ausgedrückt: Das in Visionen Gesehene ist in der Projektion (der Überzeugung des Visionärs, er hätte in die Außenwelt gesehen) perzipiert (wahrgenommen) und deshalb konkretistisch (als etwas, das zur selbstständigen Existenz fähig sei) apperzipiert (in die Weltanschauung eingeordnet) worden.


Religionswissenschaftlich ist zu unterscheiden, zwischen Weltenschöpfern und menschennahen Gottheiten.
-> Ägypten, Altes Reich, nach 3000 v.u.Z.:
Das "Hochschieben des Himmels" war soweit voran geschritten, das nun der Weltenschöpfer "Ptah" als transzendent bezeichnet wurde. Doch ergab sich daraus das Problem, wie dieser "alles Begreifen übersteigende" Gott noch auf die Gebete der Menschen hören konnte. Gelöst wurde das Problem durch das Paradox des wesensgleichen Sohnes, der dem Vater zwar wesensgleich ist, der aber gleichzeitig den Menschen nahe steht. Diesen "Sohn" erkannten die Ägypter in der Sonne (als Sonnenwesen).
Mehr als 2000 Jahre später ist dieses Vater-Sohn-Theologem in die trinitarische Glaubensvorstellung des Christentums eingegangen.

Anfangs ist ein lang anhaltendes "Hochschieben des Himmels". Auf Ebene der Stammesreligionen war das Jenseits noch mit den sichtbaren Dingen verhaftet ("heilige" Bäume, "heilige" Berge ...).
"Im Zuge des Hochschiebens wurde die metaphysische Population reduziert. "Gab" es in den Stammesreligionen noch Heerscharen von Geistern, strebte die Entwicklung über die Götterfamilien der polytheistischen Religionen schließlich dem Monotheismus zu."
Durch das Hochschieben wurden die geistigen Wesen immer weniger materiell und die Unterscheidung zwischen materiellen Diesseits und geistigen Jenseits kam zustande. Das Begriffspaar "Materie/Geist" war einer der wichtigsten Bewusstseinsschritte archaischer Zeiten.

Doch durch die damit verbundene konkretistische Auffassung konnte die Entmaterialisierung der jenseitigen Wesen nicht zu einem 100% geistigen Zustand ausgearbeitet werden, da dies dem Verständnis der Eingreifmöglichkeit jenseitiger Wesen ins Diesseits widerspräche. Dadurch kam es zum "Dilemma von Wissen und Glaube", der Beginn der europäischen Aufklärungszeit.


Mit Aufkommen der Scholastik im 11. Jhr. war der abendländische Geist aus seinem Dornröschenschlaf erwacht.

Plato (der antike Grieche) bezeichnete das, was wir heute "Abstracta" nennen, als "eidoi", was soviel heißt, wie Urbilder Ideen), die für ihn schon vor den Dingen existierten.

Aristoteles lehrte, das die "Abstracta" nicht für sich allein existieren, sondern sich in den Dingen befinden, aus denen sie abstrahiert werden, sowie sie sich gleichartig in unseren Köpfen befinden.

Durch die mittelalterliche Reflexion dieser antiken Gedanken kam der "Universalienstreit" auf, mit samt der Frage, ob die Auffassung Plato´s oder Aristoteles nun die Richtige sei.
Dir Kirchenlehrer gaben Plato den Vorzug.

Doch der Franziskaner Wilhelm von Ockham (ca. 1280 - 1347) schlug als Kompromiss eine Zweigleisigkeit vor: Plato für die Erklärung der "Übernatur" und Aristoteles für die Erklärung der (damals minderwertig betrachteten) Natur.
Dies erlaubte den Theologen weiterhin ihre archaische Ansicht zu erhalten, gab damit aber den späteren, um Empirie bemühten Wissenschaftlern freie Bahn für die Erforschung von Natur (und Kultur).

Auch die Muslime haben durch die Mutaziliten versucht, die Gedanken Aristoteles in ihre Religion zu integrieren, wurden aber schon im 11. Jhr. von der Mehrheit der Ulemas unterdrückt.

"Seit der Renaissance verlagerte sich das Interesse der geistig wachen Menschen auf das Diesseits. Aus dem Bemühen, Natur und Geschichte zu ergründen, erwuchs ein völlig neuer, von der Theologie - der hermeneutischen ("Offenbartes" deutenden) Wissenschaft - kategoriralverschiedener Wissenschaftstyp: der Natur und Kultur erforschende Empirische."
Da Ockham die Auffassung Aristoteles für die Erforschung des "Diesseits" zugelassen hatte, musste das Denken nun nicht mehr nur um die ewig gleichen - in einem Ideenhimmel befindlichen - "Geist-Dinge" kreisen.

Mit der Aufklärungszeit (18. Jhr.) äußerte nun auch das "gewöhnliche" Volk seine Meinung in der Öffentlichkeit.

Im Zuge der Entmythisierung von Natur und Geschichte, bewirkt durch die empirischen Wissenschaften, war die im archaischen Weltbild entwickelte, facettenreiche Vorstellung der "unsterblichen" Seele geschrumpft auf die Vernunft ("ratio"), also auf das, was wir heute Bewusstsein nennen.

Erst neuzeitliche europäische Philosophie überwindet das archaische Weltbild (das "kindliche Denken") zugunsten des empirisch-kausualen und naturwissenschaftlichen Weltbildes und ist die Basis für formal-operationales Denken. (sinngemäß: Oesterdiekhoff)

Jung´s Entdeckung, das Visionen Gestaltungen des Unbewussten sind, hatte Konsequenzen: Der Theologie wurde ihr erkenntnistheoretisches Fundament - die archaische Offenbarungsvorstellung - entzogen. Und als zu Beginn der Neuzeit empirische Wissenschaften entstanden - und den archaischen Wissenschaftstyp, die Theologie, ablösten - entstand das Postulat des methodischen Positivismus.

Durch die Entdeckung der Projektion ist die jenseitige Welt des archaischen Menschen in die Psyche "eingeklappt" worden. Wobei auch die archaischen Verhaltensmuster Magie und Ritus überwunden wurden. Jedoch ist nicht das gesamte Jenseits in die Psyche eingeklappt worden, denn ein großer Teil des objektiv Geistigen wurde nicht der Psyche, sondern der Natur einverleibt. (-> phylogenetisch)

Zwischenzeitlich - im methodischen Positivismus - war es notwendig, sich strikt an diesen Ansatz des ideologischen Positivismus zu halten, um sich den vorher (archaisch) ausgiebig geübten "Wissenszuwachs" durch Fantasieren abzugewöhnen. Bis in die Neuzeit fehlten die kognitiven Mittel zu einer empirisch-wissenschaftlich fundierten Beantwortung der Frage "Wie die Welt entstand", daher ergossen sich Fantasien in das Wissensvakuum hinein. Der methodische Positivismus ermöglichte das Vordringen hinter die Fassade des Augenscheins und führte zu einer Entmythisierung der Natur und Kulturgeschichte (und bewirkte damit die Aufklärungszeit). Jedoch war der ontologische Reduktionismus, der meint, der menschliche Geist lasse sich mit der Zeit auf die Gesetze von Physik und Chemie zurückzuführen, nicht von Dauer, doch löste diese subjektivistische Ethik einen Werteverfall aus.

Im positivistisch-materialistischen Weltbild (subjektivistische Ethik) wurde angenommen, das einzig Geistige sei die menschliche Vernunft, mit der man alles erklären könne und auch erkennen könne, welche Taten gut und böse seien.

Das, was der archaische Mensch als übernatürliche Offenbarung auffasste, waren in der Projektion wahrgenommene Gestaltungen des Unbewussten, welche dem objektiv Psychischen zugeordnet sind, womit man sagen kann, das die Ethik bei archaischen Weltansichten "objektiv" begründet ist.
Das Bewusstsein ist dabei als subjektiv Psychisches zu sehen, wodurch die subjektivistische Ethik begründet wird (-> für subjektivistische Ethik werden als negative Beispiele der deutsche Nationalsozialismus und der sowjetische Kommunismus heran gezogen, Zeitraum 19./20. Jhr.)

Das Dogma des ideologischen Positivismus lautete: "Was mit den Sinnen nicht wahrnehmbar ist, existiert nicht." Aber durch den Nachweis der Inneren Wahrnehmung durch Freud wurde erbracht, das Informationen über die objektive Wirklichkeit ins Bewusstsein gelangen, ohne dabei über die Sinnesorgane zu fließen.

Mit der naturwissenschaftlichen Aufklärung und dem dadurch entstandenem subjektivisitischen Verständnis von Ethik im Zuge des Positivismus verlagerte der Mensch die Quelle ethischer Normen aus der objektiven Wirklichkeit in die subjektive Wirklichkeit. Im Zuge der nachfolgenden Reflexion zeigte sich jedoch, das nicht das Ich, sondern das Selbst, die Quelle ethischer Normen ist, doch durch die im subjektivisitischen Verständnis erfolgte Verlagerung ist nun der Zugriff darauf gehemmt. Um nun die neuerliche Adaption der Ethik an das heutige (subjektivistisch geprägte) Bewusstseinsniveau zu erreichen, braucht es "Spiritualität".

Spiritualität: die Stimme des "inneren Meisters" zu vernehmen und dessen Weisungen zu befolgen. (Selbstreflexion)

Dennoch war im Zeitalter der Aufklärung, die Vorstellung der Seele bei archaischen Menschen, auf die Vorstellung der Vernunft (ratio) bei modernen Menschen geschrumpft.

Jung hatte nachgewiesen, das Mythen die Gestaltungen des Unterbewusstseins sind. Zudem hat die religionswissenschaftliche Forschung aufgezeigt, das religiöse Mythen (das Glaubensgut der Religionen) zur Hauptsache aus (trügerischen) Visionen und zum Teil aus (früher ebenfalls als göttliche Offenbarungen verstandenen) Träumen hervor gegangen sind.

Durch den Nachweis des Zentriertseins der Psyche im Unterbewusstsein wurde sowohl das archaische, als auch das positivistische Weltbild relativiert. Durch die Entdeckung des Selbst und seiner Prozesse erkannte man, das der archaische, menschennahe Gott als Quelle ethischer Normen in der Psyche liegt, womit das Ich (Bewusstsein) ans unbewusste Selbst rückgekoppelt ist, wodurch die Ethik im objektiv Psychischen begründet wird.
Gegenüber dem positivistischen Weltbild ergab das Neue, das nicht das "Ich" Quelle ethischer Normen ist, sondern das "Selbst" (Unterbewusstsein), womit ethische Normen durch Optimierung der Bestrebungen des Ichs mit denen des Selbst zustande kommen. Dadurch wurde die subjektivistische Ethik des Positivismus überwunden, denn per nun entstandener Definition gehört das Unbewusste zum Nicht-Ich, d.h. zur objektiven Wirklichkeit.

Auf Basis neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse vollzog sich ein Übergang von der mechanisch-deterministischen Naturauffassung zur Systemischen. Durch die Quantenphysik und Nichtlinearität der Naturgesetze (Chaosforschung) wurde die monokausale Auffassung des Determinismus abgelöst von einer Statischen. Das mechanistische Verständnis wurde durch den Begriff "System" (= selbstregulierend, vgl. Luhmann "autopoietisches System") abgelöst, z.B. auch durch die Erkenntnis, das Atome nur als Ganzheit, die mehr als die Summe ihrer Teilchen ist, verstanden werden kann.
Durch Einstein´s ("Masse=Energie") entstand das "Energieparadigma", in dem alle Prozesse auf Energie zurückgeführt wurden und setzte sich im naiven Realismus (dem Glaube, wir können die Welt so erkennen wie sie "ist") fest. Dies wurde nun erst, anfangend durch Immanuel Kant, verändert, in dem die Erkenntnis, das zwischen Welt und Weltbild zu unterscheiden ist, einsetzte. Dabei musste sich Klarheit verschafft werden, wie wir durch unser angeborenes kognitives System die Welt erkennen.

"Der Beobachter kreiert die Welt mittels seinem Weltbild"

Die Überwindung des Konkretismus der Geist-Vorstellungen - das Begriffspaar "Materie/Geist" - wurde durch die Komplementarität, dass der materielle und geistige Aspekt nun mehr ein an sich einheitliches raumzeitliches Gebilde darstellen, erbracht, nachdem der Positivismus den Aspekt "Geist" schon streichen wollte. (um 1970)

zu Sigmund Freud (1856 - 1939):
Die Analyse der Träume ermöglichte den Nachweis und darauf folgende Erforschung eines dem Bewusstsein nicht direkt zugänglichen Bereichs der Psyche, womit der positivistische Gedankenansatz, Psyche und Bewusstsein als Synonym zu sehen, überwunden wurde.
Durch den Nachweis, das Träume nicht wie bisher angenommen, vom Ich gemacht werden, sondern dass das Ich sie wahrnimmt, war erwiesen, das es eine (innere) Wahrnehmung gibt, die nicht über die Sinnesorgane ins Bewusstsein fließt.

zu C.G.Jung (1875 - 1961):
Jung erforschte Visionen und wies nach, das diese innerlich wahrgenommen werden, dass sie also eine Art Träume sind, jedoch vom Ich nicht im Schlaf, sondern in sogenannten außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen (wie Trance usw.) empfangen werden.Er entdeckte, das Visionen nicht den Blick in eine jenseitige Welt eröffnen, sondern dass es sich dabei um (in der Projektion perzipierte und deshalb konkretistisch apperzipierte) bildsprachliche Gestaltungen des Unbewussten handelt.

Freud und Jung stritten über die Bedeutung der sog. "archaischen Reste" in den Träumen, also jene Traumelemente, zu denen der Träumer keine Assoziationen aus der persönlichen Lebensgeschichte beisteuern kann. Dabei handelt es sich auch um Gestalten, die in der Außenwelt nicht nachweisbar sind, wie Nixen, Kentauren, Engel, Dämonen und Götter.

Für Freud waren es bedeutungslose Relikte aus früheren Phasen der menschlichen Entwicklung. Jung aber, der sich mit Mythologie gut auskannte, erkannte darin Gestalten und Geschehensabläufe, die in den Mythen vorkommen. Daraus schloß er, das Mythen ebenfalls Gestaltungen des Unbewussten sind: ursprünglich innerlich wahrgenommene bildhafte Veranschaulichungen von unanschaulichen - vor allem psychischen - Sachverhalten.
Dabei erkannte er, dass sich die ungeheure Vielfalt darin auf wenige Grundmuster - Jung nennt sie Archetypen - zurückführen ließ.

Die wohl bedeutendste Entdeckung Jung´s war aber, dass das Unbewusste artspezifisch (phylogenetisch) erworben ist. Jung bezeichnete es als "Kollektives".

Jung fand heraus, das das "Selbst" die im unbewussten Bereich gelegene Führungsinstanz der gesammten Psyche (inkl. Bewusstsein bzw. "Ich") ist.

Er sah im "Selbst" eine Art Analogie zum (indischen) "atman", das dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich ist, dieses aber "befruchtet". Jedoch ist das "Selbst" (im Gegensatz zum indischen Glaube) das vorläufige Endprodukt der Evolution und kein sich vom Himmel abspaltender Rest "göttlicher Substanz" (=Atman).

Die Sinneswahrnehmung, welche über die Sinnesorgane in die Psyche einströmt, fließt größten Teils in den unbewussten Bereich, nur ein kleiner Teil davon erreicht das Ich.

Die Innere Wahrnehmung fließt vom Selbst zum Ich und vermittelt, im Gegensatz zu den Sinneswahrnehmungen, schon verarbeitete Informationen an das Ich.

Das Selbst integriert die ihm zufließenden Informationsströme aus von außen zufließenden Sinneswahrnehmungen, von Wahrnehmungen aus dem eigenen Körper, von "außersinnlichen" (aber nicht über die bekannten Sinnesorgane hinaus gehenden) Wahrnehmungen und von vom Ich her kommenden Rückmeldungen. Dies alles wird dann vom Selbst im Sinne kybernetischer Informationsverarbeitung noch mit den "angeborenen" Sollwerten verglichen.

Das Ergebnis dieser Integrationsprozesse sendet das Selbst dann je nach Bewusstseinszustand (wach, schlafend, ...) in Gestalt von Wachfantasien, Träumen, Visionen oder Wirkimpulsen an den Körper, die Außenwelt, die innere Wahnehmung oder ins Bewusstsein.

Dieses Gesammtintegrationszentrum "Selbst" empfängt Botschaften von außerhalb und innerhalb und entwirft, auf Grund seines phylogenetisch erworbenen Wissens, ein System, fortlaufend situationsgerechter Handlungsmuster, die es als Impulse an die Muskulatur (auch die des Sprachapparats) und als Gestaltungen des Unbewussten an das aus ihm hervorgegangene Ich schickt, während es gleichzeitig über das vegetative Nervensystem die hierzu nötige Energie bereit stellt.

Das Selbst strebt sowohl nach psychischer Ganzheit, drängt aber das Ich dazu, Grenzen zu überschreiten. Dies hält im Bezug auf´s Denken die Evolution des Bewusstseins in Gang, kann jedoch im Bezug auf´s Handeln - wenn es nicht optimiert ist - negative, "böse" Tendenzen entwickeln. Diese Ambivalenz des Selbst wurde im archaischen Bewusstsein durch die Projektion wahrgenommener Selbstveranschaulichungen des Selbst, auf die jenseitigen Wesen übertragen. So wurde Schiva gut, aber auch böse und so entstanden Gott und Teufel. Somit wurde das Bestreben des Selbst zu psychischer Ganzheit als "Weg des Glaubens" und das Bestreben zur Grenzüberschreitung als "teuflische" Versuchung interpretiert.

Das "Unbewusste" reicht im Grunde hinab bis zur Zelle, als die Regelung, zur Aufrechterhaltung des Lebensprozesses. Das tiefenpsychologische Selbst, als oberstes Regulierungszentrum, ist dabei in der Neurobiologie durch den Begriff "Gesammtintegrationszentrum" bestätigt wurden.

Das objektiv Geistige
... ist jenes Geistige, das schon vor dem Bewusstsein - dem subjektiv Geistigen - in Existenz trat.

Das subjektiv Geistige entspricht nun dem, was man in der archaischen Weltsicht "Mensch" nannte und das objektiv Geistige entspricht nun dem, was man als Gott bezeichnete.

Die Glaubensgewissheit, jenes was als "Wirken göttlicher Gnade" aufgefasst wurde, bezieht sich auf die Gewissheit, das die Weisungen des Unbewussten, auch wenn sie den bewussten Ansichten entgegen stehen, verlässlich sind. (das objektiv Psychische)

Der Mensch ist also nicht an sich "gut", sondern die Versuchung, "böses" zu tun, gehört zur menschlichen Natur und um dieser zu widerstehen, gehört ständiges Bemühen ("fromm sein").

Das Beten wirkt somit als Kommunikation zwischen Ich und Selbst zur Schulung der eigenen Spiritualität: der Optimierung der Bestrebungen des Selbst mit denen des Ich´s.

Als Facetten des objektiv Geistigen erwiesen sich auch Phänomene, die man als parapsychisch bezeichnet.

Durch Walter Rudolf Hess nachgewisen:
- der Sitz des Instinktzentrum ist im Zwischenhirn
- der Sitz des Schlafzentrums ist im Thalamus

Der durch die Entdeckung des Unbewussten zustande gekommene neue Typus empirischer Wissenschaft ist die Tiefenpsychologie. Dank der Erschließung der Sprache des Unbewussten - der Bildsprache, in der Träume, Visionen und Wachfantasien sowie die aus diesen entstandenen Mythen kodiert sind - wurde es möglich, die archaischen Gedankengänge - die in "heiligen Schriften" kanonisierte Form des Bemühens um Spiritualität - in unsere heutige Verstehensweise zu übersetzen.
Es ergab sich dabei sogar, dass viele von ihnen - die sog. religiösen Mythen - wahr sind! Zwar nicht physisch wahr, wie man bei der archaischen Weltsicht annahm, sondern psychisch wahr. D.h., dass sie - in einer Bildsprache kodiert - wahre Aussagen über psychische Sachverhalte enthalten.

(das bedeutet in etwa, dass wenn man einen Gläubigen vor den Lügentester setzt, dieser die Aussagen des Gläubigen nicht als Lüge erkennt, da sie - im Sinne der Psyche des Gläubigen - "wahr" sind, zumindest für den Gläubigen.)

Tiefenpsychologie ist transdisziplinär, d.h. sowohl Natur- als auch Kulturwissenschaft, da sich die Tiefenpsychologie in zwei Forschungszweige unterteilt: die hermeneutische, geisteswissenschaftliche Methode und die theoretisch-naturwissenschaftliche Methode (zur Erforschung der Strukturen und Funktionen der Psyche).

Willy Obrist: "Die Mutation des europäischen Bewusstseins: Von der mythischen zur heutigen Weltsicht und Spiritualität"





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Religion ist die Manifestation des anthropologischen Entwicklungsstandes der Menschen vormoderner Gesellschaften und damit natürlicher Ausdruck ihrer Psyche, ihrer Persönlichkeit, ihres Verstandes und ihres Gefühlslebens.
Das Wunsch- und Märchendenken, Leichtgläubigkeit und Wunderglaube - die Basis einer jeden Religion - haben ihre Wurzeln in der Psyche von Menschen.
Wenn Menschen der alten Kulturen sich von den Göttern kontrolliert, belohnt und/oder bestraft fühlten; wenn sie Buße taten oder ihre Sünden bereuten, dann ist das die Haltung des Kindes gegenüber seiner Eltern. Wenn Erwachsen eine solche Haltung zu "Gott" haben, dann zeigt das, das Gott eine Verlängerung der Elternpräsenz darstellt und das sie auf eine "elternliche" Steuerung ihres Lebens angewiesen sind. (Quelle: Oesterdiekhoff: Interview in "Soziologie heute": >link)
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Entwicklung des Bewusstseins (nach Ken Wilber):

unbewusst, prä-personal
1. Natur, niedere Lebensformen, "archaisch", Uroboros, prä-Subjekt/Objekt-Trennung, "alles eins", Nichtwissen über Zeit
> Australopithecus, Homo habilis, Homo erectus, vor 3-6 Mio. bis etwa vor 200.000 Jahren

2. Körper, "magisch", "Typhon", noch keine Sprache dafür aber Paläosymbole und proto-linguistische Strukturen, kaum Objekt-Subjekt-Trennung, Objekt (Tier) und Abbildung sind identisch, die Verantwortung für alles Geschehende wird in der äußeren Welt und ihren Objekten angesiedelt, dahingehende Gegenwart
> Neandertaler, Cro-Magnon, vgl. "Zauberer von Trois Fréres" (Höhlenzeichnung), Totemismus,

3. früher Geist (Verstand), paläologisch, "mythisch", zyklische und jahreszeitliche Zeit,

selbstbewusst, personal
4. entwickelter Geist, rational, mental-ichhaft, selbstreflexiv, "mental", lineare und historische Zeit
5. Seele, psychische Stufe, "schamanisch", archetypische, äoniosche und transzendente Zeit

überbewusst, trans-personal
6. Seele, subtile Stufe, "heilig", archetypische, äoniosche und transzendente Zeit
7. Geist, kausale Stufe, "erleuchtet", zeitlose Ewigkeit
8. Geist, höchste Einheit, "absolut", zeitlose Ewigkeit

"Das ursprüngliche Wesen des Mensche nist Geist, das Höchste Ganze; bevor er jedoch dieses GANZE entdeckt, bleibt er ein entfremdetes Fragment, ein separates Ich, das sich zwangsläufig mit dem Bewusstsein des Todes und mit Todesangst konfrontiert findet. Die Angst bleibt, bis der Geist auferstanden und das Ich mit allen möglichen Anderen eins geworden ist."

Upanischaden: "Wo immer es ein Anderes gibt, da gibt es auch Angst."

Existentialpsychologe Médard Boss: "Die essentielle grundlegende Urangst ist allen isolierten, individuellen Formen der menschlichen Existenz eingeboren"

Um die Todesangst zu überschreiten, muss man das Ich transzendieren, denn das separate Ich selbst "ist" die Todesangst.

Bis zur endgültigen Auferstehung des SELBST im Unterbewusstsein wird das "falsche", individuelle und getrennte Ich von zwei Haupttriebkräften bewegt:
- die eigene Existenz zu verewigen (Eros)
- alles zu vermeiden, was zur Auflösung führt (Thanatos)
Dieser Kampf zwischen Leben und Tod, Eros und Thanatos, Vishnu und Shiva ist jedem Ich inhärent und bewirkt seine Urängste.

Um das Ich-Ego im Sinne Eros zu verewigen, entwickelt es Ersatzbefriedigungen die sein Streben nach Einheit, Ganzheit und Ewigkeit erfüllen sollen, wie materieller Besitz, Ruhm, Anhäufen von Wissen oder der Glaube an eine ichhafte Ewigkeit in Paradies oder Reinkarnationszyklen. Dadurch entstand auch Kultur, als dauerhaftes, zeitloses Zeichen erhoffter Unsterblichkeit.

Thanatos eleminiert und verdrängt alles, was auf Tod, Auflösung oder Transzendenz hindeutet.

Eros wird von der Intuition motiviert, dass der Mensch das "All" ist. Mit der Anwendung auf das separate Ich jedoch wird daraus ein Verlangen, das "All" selbst zu besitzen. Statt alles zu sein, wünscht man nur, alles haben.

Thanatos wird von der Intuition motiviert, dass der Mensch "ewig und zeitlos" ist. Mit der Anwendung auf das separate Ich jedoch wird daraus ein Verlangen, ewig zu leben und im Ich-Zustand weiter zu existieren. Statt in der Transzendenz zeitlos zu sein, wünscht man nur "ewig" zu leben.

Ewigkeit ist ein zeitloser Zustand von "keine Zukunft oder Vergangenheit".
Zeit ist eine Ersatzbefriedigung des Eros-Ich für Ewigkeit, denn das Ich braucht Zeit, um zu glauben, der Tod sei fern.

Dies führt bei weiterer Entwicklung zu komplexeren Mitteln, den Tod zu verdrängen.


(Ken Wilber - "Halbzeit der Evolution")


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Thomas Metzinger: "Säkulare Spiritualität"
https://youtu.be/SA4TuY9dR3U


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weiteres: "Das Hirn, dein Gott:
Glaube ist eine natürliche Eigenschaft des Menschen. Unsere soziale Intelligenz macht uns für die Religion empfänglich" >>> http://www.zeit.de/2009/01/N-Essay-Religion/komplettansicht



















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